Er wird in die Geschichte eingehen, der März 2020. Davon bin ich überzeugt. Auch in einigen Jahren wird wahrscheinlich jeder noch ganz konkrete Dinge wissen, die er in jenem März getan hat. An die Corona-Krise werden sich auch die heutigen Kinder erinnern.

Wenn ich zurückblicke, dann auch deshalb, um gewisse Meilensteine für mich festzuhalten. Und auch, um das Positive zu beleuchten, das in solchen Zeiten möglich wird.

Begleitest du mich durch meinen ganz persönlichen März 2020?

Am Anfang des Monats: superschöne Tage im Schnee

In den Bergen herrscht bereits die ganze Zeit Frühling. Die Sonne hat nach dem schönen Februar noch immer viel Lust, die Tage zu erhellen. Sie scheint unermüdlich und macht es dem wenigen Schnee extrem schwer, auszuharren und der Wärme zu trotzen. Wir verbringen als Familie viele Tage in den Bergen, geniessen das Wetter, die Aussicht und natürlich die Abfahrten auf den Skipisten. Manchmal machen wir uns aber Gedanken darüber, was mit der Welt los sei. Am 1. März abseits der Piste im T-Shirt das Sandwich essen, neben sich die warme Skijacke liegen haben, die Handschuhe, den Helm. Auf den Skiern schwitzen, weil der Rückenpanzer ziemlich eng anliegt und man es morgens doch nicht gewagt hat, eine Schicht weniger anzuziehen. In dieser Jahreszeit in den Bergen mehr grün als weiss zu sehen passt einfach nicht ganz in das gewohnte Bild. Gerät die Welt aus den Fugen?

Mitte Monat: Ausnahmezustand, Hamsterkäufe und die Frage, wie es weitergeht

Die Monatsmitte hat es in sich. Am Freitag, 14. März entscheidet der Bundesrat, dass die Schulen ab Montag geschlossen bleiben. Und am Montag, 16. März dann die Mitteilung, dass nun auch alle Geschäfte, die nicht Dinge des Grundbedarfs verkaufen, schliessen müssen. Restaurants und alle öffentlichen Einrichtungen wie Bibliotheken, Fitnesscenter machen zu. Auch in Coiffeursalons darf niemand mehr bedient werden.

Schnell kommt da bei mir die Frage auf: was ist mit meiner Praxis? Darf ich noch als Ernährungsberaterin arbeiten? Ja, ich darf. Ich gehöre zu den Gesundheitsberufen und kann die Richtlinien des Bundes einhalten. Zwei Meter Abstand zu meinen KlientInnen, kein Händeschütteln, regelmässig Händewaschen und immer die Stühle und die Türklinke desinfizieren, das würde ich hinkriegen.

Ich entscheide mich aber gegen diese Möglichkeit. Ich schliesse meine Praxistür und nutze meine Räumlichkeiten per sofort als Einzelbüro. Welch ein Luxus! Und die KlientInnen? Ich stelle gänzlich um: von offline zu online. Was ich teilweise schon länger praktiziert habe, wird jetzt zum Standard.

Bisher nutzten vorwiegend jene Menschen mein Online-Coaching, die nicht um die Ecke wohnten und einfach schnell in meine Praxis kommen konnten. Ganz vereinzelt hatten auch einige Leute aus der nahen Umgebung schon vorher erkannt, wie praktisch es ist, nicht aus dem Haus gehen zu müssen und den Termin daheim vor dem Computer abzuhalten. Und nun informierte ich alle „Offliner“ über die neue Situation.

Ich darf dankbar feststellen, dass diese Umstellung überhaupt kein Problem darstellt. In den ersten zwei Wochen werden nur genau zwei Termine auf unbestimmte Zeit verschoben. Alle anderen vereinbarten Termine werden eingehalten und finden entweder telefonisch oder als Videokonferenz statt. Die Menschen sind offen, sich auf Neues einzulassen und staunen über die Möglichkeiten und die Qualität. Und ich stelle nicht zum ersten Mal fest: eine Krise bietet auch Chancen.

Am Freitag, dem 14. März, mache ich noch den Wocheneinkauf. Nochmals zur Erinnerung: die Entscheidungen des Bundesrats waren kurz vorher gefallen. Und die Menschen gerieten in Panik. Die Gestelle im Supermarkt leerten sich innert kürzester Zeit. Mehl, Teigwaren, Konservendosen und Toilettenpapier wurden in den Einkaufswagen aufgetürmt. Sowas habe ich noch nie gesehen. Also doch: die Welt gerät tatsächlich aus den Fugen!

Privat erlebe ich die Mitte des Monats einfach nur als surreal. Die Tochter erkrankt an einer schweren Grippe. Da sie in der Pflege arbeitet, drängt der Arbeitgeber darauf, dass sie sich testen lässt. Am Sonntag, dem 15. März, begleite ich sie auf den Notfall des Spitals. Mit Mundschutz und desinfizierten Händen sitzen wir auf den mit gebührendem Abstand hingestellten Stühlen in der kalten, leeren Ambulanzhalle. „Corona-Verdachtsfälle“ werden direkt dorthin geleitet und dürfen die normale Notfallstation nicht betreten. Man kommt sich ein bisschen vor wie aussätzig. Ein eigenartiges Gefühl!

Der Satz: „In zwei Tagen erhalten Sie das Resultat“ zeigt auf, was jetzt folgt. Banges Warten. Wir organisieren uns als Familie. Der Mann richtet sich sein vorübergehendes Homeoffice ein. Der Sohn meldet sich für voraussichtlich Montag und Dienstag von der Arbeit ab. Quarantäne. Für meine eigene Arbeit steht darum auch sofort fest: ich gehe vollständig von offline zu online.

Bereits am Montag kommt abends der ersehnte wie auch befürchtete Anruf des Spitals. Das Testresultat ist da. Die Zeit des Wartens, des Bangens, des Hoffens hat ein Ende. Unsere Erleichterung ist riesig: der Test ist negativ! Wir atmen auf. In den vergangenen Stunden sind wir in Gedanken durchgegangen, wem wir begegnet sind und wen wir hätten anstecken können, wenn wir denn Träger des Virus wären. Auch wenn man es nicht will, gehen die Gedanken automatisch in diese Richtung. Die Tochter ist auch extrem froh über das Resultat, weil sie schlecht damit hätte umgehen können, das Virus im Altersheim verteilt zu haben. Die Situation hat uns alle betroffen gemacht. Und wir haben erlebt, wie lange 48 Stunden dauern!

Mein Schreibtisch

Zweite Monatshälfte: von der Verunsicherung zur Routine

Zu Beginn der ausgerufenen sogenannten „ausserordentlichen Lage“ herrscht primär Verunsicherung. Was darf man noch, was nicht mehr? „Bleibt zuhause“ lautet die Daueraufforderung. „Social distancing“ ist angesagt. In unserer Familie läuft es eigentlich ganz normal weiter. Nachdem negativen Testresultat gehen die Männer wieder auswärts arbeiten und die Tochter erholt sich von der Grippe. Ich habe zwar etwas weniger Termine als sonst, kann aber die Zeit gut nutzen für Neues. Ich zeichne einen Workshop als Video auf (klicke auf das Bild) und arbeite an meiner Online-Sichtbarkeit. Und wieder: Eine Krise bietet auch Chancen.

Am Abend und an den Wochenenden finden keine Veranstaltungen mehr statt. Keine Sitzungen, Vereinstätigkeiten sind untersagt. Das bedeutet Zeit. Zeit für Experimente. Zeit für Dinge, die ich bisher auf die lange Bank geschoben habe und die in die Kategorie „das mache ich dann irgendwann mal“ gehörten. Weil in den Supermarktregalen kein einziger Krümel Hefe mehr zu finden ist, recherchiere ich im Internet zum Thema Sauerteig. Über den Hinweis einer Bekannten stosse ich auf Hefewasser. Das ist mir zwar früher auch schon mal begegnet, aber da war die Zeit halt irgendwie nicht reif. Wollte ich aber weiterhin mein Brot selber backen, brauchte ich JETZT eine Alternative zur industriellen Hefe.

Glasflasche mit angesetztem Hefewasser

So beginnt also mein Experiment „Hefewasser“. Ein Abenteuer! Hefewasser besteht gerade mal aus drei Zutaten und ist schnell angesetzt. Wasser, Dörrfrüchte und Honig mischen. Na gut, eine vierte Zutat braucht es: Geduld! Aber nach vier Tagen und ab und zu Schütteln der Flasche brodelt es bereits kräftig. Das Hefewasser ist zwei Tage später einsatzbereit. Mit Spannung beobachtet die ganze Familie, was mit dem Brotteig geschieht. Geht er tatsächlich auf? Ja, er treibt! Und das Resultat sind wunderbar luftige, knusprige Brötchen. Was für ein gutes Gefühl, mit natürlichen Zutaten Hefe hergestellt zu haben und unabhängig zu sein vom Supermarkt. Die Krise bietet eben auch Chancen!

Im Alltag stellt sich eine gewisse Routine ein. Wenn ich daheim bin, vergesse ich manchmal, was da draussen abläuft. Ich habe gelernt, mich von der Nachrichtenflut etwas zu distanzieren. Zuviel davon tut mir nicht gut. Ich bin dankbar, dass ich das sonnige Wetter nutzen kann, um meinen Garten für die Gemüsesaison vorzubereiten. Da bin ich alleine, kann problemlos Abstand halten. Meine Gedanken kann ich da einfach schweifen lassen. Neue Ideen dürfen geboren werden. Die Arbeit mit Erde, Kompost und Holzhackschnitzel entspannt meinen Kopf. Das ist Lebensqualität trotz allem!

Mein Fazit: Ja, die Welt ist aus den Fugen

Der März 2020 geht in die Geschichte ein. Als Monat des Stillstands, der sozialen Distanz. Die Menschen erleben eine ganz neue, ihnen unbekannte Situation. Ich als Person, die es liebt zu planen, lerne neu, einen Tag nach dem anderen zu nehmen. Und anzunehmen, was da kommt.

Es ist faszinierend zu sehen, was die Natur macht, während der Mensch stillsteht. Sie blüht auf. Der Frühling macht sich weiter bemerkbar. Die Bienen besuchen die Obstblüten. Die Osterglocken recken ihre Köpfe in die Höhe und sogar die Spargelspitzen gucken bereits aus der Erde. Der Himmel ist wunderbar blau, die Sicht klar.

Ist die Welt aus den Fugen? Ja, für uns Menschen scheint das so zu sein. Aber die Welt dreht sich weiter. Und das ist einfach nur beruhigend.